[...] A NEW DIVAN - Pierre Boulez Saal

Künstler

Prof. Dr. Hendrik Birus

Redner

Durs Grünbein

Redner

Dr. Jonathan Landgrebe

Moderation

In deutscher Sprache

Keiner kennt Goethe’s West-östlichen Divan besser als sein Herausgeber Hendrik Birus, und kein lebender deutschsprachiger Dichter fühlt sich dem Divan so sehr verpflichtet wie Durs Grünbein – den das Buch auf all seinen Reisen begleitet. In Gespräch und Diskussion widmen sich die beiden den dichterischen Echos des Divan.

Divan-Echos in der Zeitgenössischen Dichtung

Fünfzehn Jahre nach Erscheinen des West-östlichen Divan schrieb Heinrich Heine über Goethes Werk: „Unbeschreiblich ist der Zauber dieses Buchs: es ist ein Salam, also ein Gruß, den der Okzident dem Orient geschickt hat. […] Dieser Salam aber bedeutet, dass der Okzident seines frierend mageren Spiritualismus überdrüssig geworden und an der gesunden Körperwelt des Orients sich wieder erlaben möchte.“

Es überrascht nicht, dass die ersten direkten Echos von orientalistischer Seite kamen. Doch 200 Jahre später ist es eine völlig andere Seite des West-östlichen Divan, die in der zeitgenössischen Dichtung Widerhall findet.

In seiner Gedichtsammlung Dummer August von 2007 gibt Günter Grass Wanderers Gemütsruhe wieder, ein Gedicht aus dem „Buch des Unmuts“. Grass versucht hier durch das Mittel der Literatur den Aufruhr hinter sich zu lassen, den sein Eingeständnis in dem Buch Vom Häuten der Zwiebel (2006) ausgelöst hatte, dass er als junger Mann Mitglied der Waffen-SS gewesen war, was zu einer Pressekampagne durch Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung führte.

Wanderers Gemütsruhe

Über’s Niederträchtige
Niemand sich beklage;
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.

In dem Schlechten waltet es
Sich zu Hochgewinne,
Und mit Rechtem schaltet es
Ganz nach seinem Sinne.

Wandrer! – Gegen solche Not
Wolltest du dich sträuben?
Wirbelwind und trocknen Kot
Laß sie drehn und stäuben.


Auf der gegenüberliegenden Seite antwortet Grass:


Zeitvergleich

Als er im Jahr nach Leipzig
noch immer den Orden von Napoleons Hand
auf breiter Brust zur Schau trug,
erfuhr Goethe das Niederträchtige
und reimte es auf das allzeit Mächtige.

Doch erst im Jahr neunzehn,
als die versammelten Fürsten zu Karlsbad
die Spitzen der vielbesungenen Freiheit kappten,
nahm er das Gedicht „Wanderers Gemütsruhe“
im „Buch des Unmuts“ auf.


Weil beileibe kein Goethe und ohne ein Möbel,
das mir als Divan bequem wäre,
will ich nicht warten, bis sich der Wind legt,
zumal die Karlsbader Beschlüsse
auf medial neuesten Stand gebracht sind.
Deshalb sage ich jetzt schon, wo – in Frankfurt am Main –
das Niederträchtige als das Mächtige
Hochgewinn zieht und trocknen Kot wirbelt,
verzichte sonst aber – bei aller Not –
auf überlieferte Reime.

Darüber, ob dieser dichterische Versucht, seine Freiheit zu gewinnen, erfolgreich war, lässt sich streiten. Dass er ein bemerkenswertes literarisches Echo des Divan darstellt, steht außer Frage.

Hendrik Birus, aus Divan-Echos

Auch an diesem Tag

Das Festivalprogramm wird durch eine Ausstellung der Künstlerin und Aktivistin Bahia Shehab ergänzt. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen mit Ausnahme des Konzerts ist frei, es müssen jedoch kostenlose Zählkarten gebucht werden.