Pierre Boulez, 1925 im französischen Montbrison etwa 50 km westlich vom Lyon geboren, war einer der großen geistigen Universalisten der Musikgeschichte. Als Komponist, Dirigent, Wissenschaftler und Kulturbotschafter hat er viele Disziplinen nachhaltig beeinflusst, und sein Nachwirken ist auch seit seinem Tod im Januar 2016 noch deutlich zu spüren. Der nach ihm benannte Konzertsaal ist nicht nur Hommage an Boulez’ lebenslanges Engagement für Neugier und Bildung, sondern auch sichtbares Vermächtnis seiner langjährigen persönlichen und künstlerischen Freundschaft mit Daniel Barenboim.

KOMMUNIKATION UND NEUGIER

Musik ist ein unverzichtbares Mittel der Kommunikation. Für Pierre Boulez war diese Erkenntnis eine der Grundlagen seines künstlerischen Wirkens, und in einer mehr als 70 Jahre umfassenden Laufbahn ist er diesem Verständnis stets treu geblieben. Das Streben nach Klarheit, Genauigkeit und Kreativität war unmittelbarer Bestandteil seiner Persönlichkeit. „Ein Komponist sollte immer weit vorausschauen, das Neue suchen. Er sollte ein Vordenker sein“, betonte Boulez. Sein Leben und Schaffen waren von dem Ideal durchdrungen, der Musik neue Ausdrucksformen zu erschließen und stets Neugier zu empfinden. Ebenso war es seine Überzeugung, dass die intensive Beschäftigung mit Musik ein erfüllteres Hören zur Folge hat. Uns bleibt die Hoffnung, dass sein Geist in diesem neuen Konzertsaal im kulturellen Zentrum Berlins weiterlebt und dass zukünftige Generationen hier zu Neugier und musikalischer Entdeckungsfreude inspiriert werden.

Musik für das denkende Ohr Pierre Boulez zum 100. Geburtstag

Der Sturm ist vorüber. Der tobende Himmel klart auf. Die Wogen glätten sich. Pierre Boulez wird Teil der Vergangenheit.

Der Boulez’sche Sturm, wenn man so will, hat sich vor langer Zeit gelegt. Den jungen Boulez versetzte so gut wie alles in Rage, was die Musikwelt um ihn herum trieb; man kann diese Wut hören in seiner Zweiten Klaviersonate von 1947/48, einer Art kontrollierten Sprengung von Beethovens „Hammerklaviersonate“. Wie Paul Klee, dessen Werk er bewunderte, wollte Boulez Europa hinter sich lassen und eine neue ästhetische Sprache begründen, die einige wenige Elemente der anspruchsvollsten Musik, die Europa bis dahin hervorgebracht hatte – Webern, den späten Debussy, den frühen Strawinsky, Messiaen – mit Aspekten afrikanischer und ostasiatischer Musik verschmelzen sollte.

Die Synthese gelang 1957 mit Le Marteau sans maître, in dessen Besetzung europäische Hoch- und Volkskultur (Viola und Gitarre), andere Kontinente (Schlagwerk) und weltumspannende Universalität (in Gestalt der Altflöte) anklingen. Gedichte von René Char, dem Lieblingsdichter seiner Jugend, schillernd und undurchdringlich wie Diamant, vertonte Boulez darin für Mezzosopran, aber auch in rein instrumentalen Sätzen.

Doch Marteau rief die Revolution nicht nur aus, sondern vereitelte sie gleichzeitig. Der wütende Mann hatte ein Meisterwerk geschrieben – das fand auch Strawinsky. Und obwohl das Werk selbst sich gegen die Normen der europäischen Musikkultur richtete, wurde es von ihr mit offenen Armen aufgenommen. Eine ganze Armada von Neue-Musik-Ensembles entstand, um Werke zu präsentieren, die sich in ähnlicher Weise zwischen Orchester- und Kammermusik positionierten. Auch der Anstifter selbst wurde wohlwollend akzeptiert – und sei es nur, weil er sich als bemerkenswert unverwechselbarer Dirigent entpuppte. Innerhalb eines Jahrzehnts hatte er die bedeutendsten Orchester Europas und der USA geleitet und bei den Bayreuther Festspielen im Graben gestanden.

Paul Klee, Der Bote des Herbstes (The Harbinger of Autumn) (1923)

Seine Kreativität verstummte deshalb keineswegs. Während er zwei oder drei Mal in der Woche am dem Dirigentenpult stand, eignete er sich ein riesiges Repertoire an. Viel Zeit beanspruchte auch sein Bedürfnis nach Revision: Pli selon pli, ein Werk auf Gedichte seiner neuer literarischen Lieblingsfigur Stéphane Mallarmé, war 1960 „vollendet“, erschien fünf Jahre später in einer neuen Fassung und wurde bis in die 1980er Jahre immer wieder überarbeitet. Mallarmé war auch der Wegbereiter einer Ästhetik des Unvollendeten, die Werke bewusst in der Schwebe hält oder durch verschiedene Möglichkeiten der Realisierung ins Unendliche öffnet.

Die Gründung des IRCAM, das nach Boulez’ Wünschen erbaute und ausgestattete Institut de recherche et coordination acoustique/musique, das 1977 in Paris eröffnet wurde, bot einen Ausweg aus diesem Labyrinth – und führte direkt hinein in das nächste, das der elektronischen Transformation. Boulez demonstrierte ihr Potential zum ersten Mal während der frühen 1980er mit der Arbeit an Répons, das bis heute und für immer ein „work in progress“ bleibt.

In den 1990ern reduzierte er seine Verpflichtungen am IRCAM, dirigierte wieder regelmäßig und schrieb umfangreiche Werke: sur Incises aus den Jahren 1995–98 und Dérive 2, begonnen 1988 und bis 2006 immer wieder revidiert. Dem Abenteuer kehrte er trotz allem nicht den Rücken zu. Als Dirigent widmete er sich nicht nur den alten Favoriten Strawinsky, Debussy, Bartók oder Ravel, er fand auch neue Wege: zu einer Janáček-Oper, zu Richard Strauss. Und auch sein Spätwerk als Komponist ist durchzuckt von jenen charakteristischen Blitze, die ungewohnte Gefilde des permanenten Staunens erleuchten.

Der Sturm war noch lange nicht vorbei. Er ist es bis heute nicht. In den Händen von Dirigent:innen der beiden Generationen, die nach ihm kamen, wurde sein Repertoire zu unserem. Seine Musik versetzt weiterhin Studierende und Wissenschaft ebenso wie das Publikum in Erstaunen. Sie birgt noch immer Geheimnisse. Und schließlich bleibt die entscheidende Herausforderung, die sein gesamtes Leben an uns richtet: neugierig zu bleiben und, wo es nötig ist, unsere eigenen Stürme zu entfachen.

 

 Paul Griffiths
Paul Griffiths schreibt seit mehr als 50 Jahren über Musik. Er ist der Auto des ersten Buchs über Pierre Boulez, das 1978 erschien.