[...] HAGEN QUARTETT - Pierre Boulez Saal

Der Podcast zur Quartett-Woche mit Anthea Kreston: Mehr als Technik: Das Hagen Quartett

„Letztendlich bewegen wir nur unsere Finger und Arme – mehr tun wir nicht, wenn wir im Streichquartett spielen“, sagt Rainer Schmidt im Gespräch mit Anthea Kreston in der 10. und letzten Folge unseres Podcasts zur Quartett-Woche. Gemeinsam mit den drei Geschwistern Lukas, Veronika und Clemens Hagen spielt er seit 1987 in einem der international bedeutendsten Streichquartette, dem Hagen Quartett. Wie wichtig und nebensächlich zugleich die mechanisch-technischen Aspekte des Musikmachens sind, lernte Schmidt während seines Studiums in den USA: „Der großartigste Klang und die höchste Ausdruckskraft, die wir auf einem Streichinstrument hervorbringen können, sind zunächst mal nichts weiter als das Ergebnis einer korrekt ausgeführten mechanischen Bewegung. In dieser Hinsicht waren die Amerikaner wirklich stark.“

Doch ist mit dieser Erkenntnis allein noch nicht viel gewonnen: „Wie man an diesen Punkt kommt, ist eine ganz andere Frage. Wenn ich es erklären könnte, wären meine Schüler und ich die besten Geiger der Welt.“ Rein mechanisches Denken reicht dafür jedenfalls nicht aus, sagt Rainer Schmidt: „Wir streben nach makelloser Technik, um diese wunderbare Musik so gut wie möglich realisieren zu können. Aber wenn dem überhaupt kein Verständnis mehr dafür zugrundeliegt, worum es in der Musik überhaupt geht, ist das verschwendete Zeit.“ Vor allem, wenn in einem Ensemble die Bewegungen Vieler auf eine bestimmte Weise synchronisiert werden müssen, kommt es auf eine gelingende Verständigung darüber an, was die Musik, die man gemeinsam macht, denn eigentlich bedeuten soll. „Wir hören natürlich zunächst mal verschiedene Geräusche, Klänge, die wir deskriptiv erfassen können: sie können laut oder leise sein, scharf und so weiter. Aber alle diese Klänge scheinen auf etwas zu verweisen, das weit über sie selbst hinaus geht, auf eine Form der Kommunikation, die zutiefst menschlich ist.“

Komplexe und erratische Werke wie Beethovens spätes cis-moll-Streichquartett op. 131, das beim Konzert des Hagen Quartetts am 16. Juni zum Abschluss der Quartett-Woche im Pierre Boulez Saal auf dem Programm stand, setzen der Verständigung allerdings erstmal große Hindernisse in den Weg: „Der Beethoven ist [in diesem Programm] sicher am schwersten zu verstehen. Aber das Erstaunliche ist: wenn man das Stück analysiert, gibt es darin eigentlich nichts, was man nicht auch vorher schon gehört hatte. Langsame und schnelle Sätze, reguläre Phrasen von 8, 12, oder 16 Takten Länge, Sonatensätze und Fugen. Und trotzdem: Es ist nicht nur vollkommen anders als alles was er und andere vorher geschrieben haben, sondern es wirkt sogar völlig anders als alles, was danach kam. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Beethovens Verständigung mit seiner Umwelt durch die Taubheit viele Jahre so stark eingeschränkt war. Möglicherweise zeigt sich diese verzerrte Kommunikation auch in seiner Musik.“


Künstler

Hagen Quartett

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Programm

György Kurtág

Hommage à Mihály András

Zwölf Mikroludien für Streichquartett op. 13

Dmitri Schostakowitsch

Streichquartett Nr. 13 b-moll op. 138

Ludwig van Beethoven

Streichquartett cis-moll op. 131

Dauer der Veranstaltung: ca. 1h 45m mit einer Pause

Das Hagen Quartett widmet sich drei Werken, die auf jeweils eigene Art das Format des Streichquartetts erweitert haben. In Kurtágs 12 Mikroludien gibt es statt der Abfolge mehrerer Sätze nur mehr eine Ansammlung hochkonzentrierter musikalischer Fragmente, während Schostakowitschs Streichquartett Nr. 13 überhaupt nur aus einem einzigen, düsteren Satz besteht. In Beethovens Opus 131 wiederum ist die Satzaufteilung so unkonventionell, dass sie fast willkürlich erscheint – Fragmentierung und Verschmelzung gehen hier Hand in Hand.

Zum Ende der Saison stellt eine außergewöhnliche Quartett-Woche jene musikalische Gattung in den Mittelpunkt, die für viele der Inbegriff der Kammermusik ist. Vom 7. bis 16. Juni versammeln sich elf internationale Ensembles im Pierre Boulez Saal, um in dessen intimer Atmosphäre die ganze historische und emotionale Spannbreite des Streichquartetts zu beleuchten.