Der Podcast zur Quartett-Woche mit Anthea Kreston: Das Jerusalem Quartet über das Erbe der jiddischen Musik

Seit mehreren Jahren beschäftigt sich das Jerusalem Quartet intensiv mit der jiddischen Kabarettmusik aus dem Europa der Zwischenkriegszeit – Musik, die mit ihrem beißenden und selbstironischen Humor zur wichtigen Inspirationsquelle für Künstlerinnen und Künstler etwa in der Weimarer Republik, besonders für die Berliner Kabarettszene und später die Pop- und Filmmusik, aber auch für die musikalische Avantgarde der Zeit wurde. „Hier merkt man zum ersten Mal“, sagt Ori Kam, Bratscher des Jerusalem Quartet, „wie so etwas wie Sarkasmus Einzug in die deutsche Kultur hält, ein spielerischer Umgang mit der Sprache. Das findet in den Opern Webers oder den Operetten Lehárs noch nicht statt, in Bergs Lulu oder Wozzeck aber sehr wohl.“ Für Ori Kam offenbart sich in dieser Musik eine spezifisch jüdische Weltsicht: nüchtern und trocken, aber ebenso unerschrocken und mutig. Durch die Schrecken des Holocaust wurde diese Kultur gewaltsam ins Vergessen gestürzt, ihr immenser Einfluss bleibt bis heute oft verborgen – die wenigsten wissen, dass etwa Secret Marriage, ein bekannter Song von Sting, eigentlich aus der Feder von Hanns Eisler stammt. Diesem Vergessen will das Jerusalem Quartet mit seinen Programmen entgegenwirken: Im Pierre Boulez Saal präsentierten die vier Musiker – neben Werken von Erich Wolfgang Korngold und Erwin Schulhoff – gemeinsam mit der Sopranistin Hila Baggio auch jiddische Kabarettlieder, die der Komponist Leonid Desyatnikov mithilfe von Archivmaterial rekonstruiiert und für Streichquartett mit Singstimme eingerichtet hat.

Mehr aus dem Gespräch zwischen Anthea Kreston und Mitgliedern des Jerusalem Quartets über ihre eigene Geschichte als Ensemble und über das vielgestaltige Erbe der jiddischen Musik gibt es in der zweiten Folge unserer Podcast-Serie zur Quartett-Woche am Pierre Boulez Saal.


Künstler

Jerusalem Quartet

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Hila Baggio

Sopran

Programm

Erwin Schulhoff

Fünf Stücke für Streichquartett

Leonid Desyatnikov

Jiddisch / Fünf Lieder für Stimme und Streichquartett

Erich Wolfgang Korngold

Streichquartett Nr. 2 Es-Dur op. 26

Dauer der Veranstaltung: ca. 1h 45m mit einer Pause

Das israelische Jerusalem Quartet erkundet in seinem Konzert zusammen mit der Sopranistin Hila Baggio den prägenden Einfluss jüdischer Komponisten und Musiktraditionen auf die europäische Musik des 20. Jahrhunderts. Neben spät- und postromantischen Werken von Erwin Schulhoff und Erich Wolfgang Korngold stehen dabei auch Arrangements jiddischer Kabarettlieder aus der Zwischenkriegszeit auf dem Programm.

Zum Ende der Saison stellt eine außergewöhnliche Quartett-Woche jene musikalische Gattung in den Mittelpunkt, die für viele der Inbegriff der Kammermusik ist. Vom 7. bis 16. Juni versammeln sich elf internationale Ensembles im Pierre Boulez Saal, um in dessen intimer Atmosphäre die ganze historische und emotionale Spannbreite des Streichquartetts zu beleuchten.