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Der Blinde Knabe

Der blinde Knabe


O sagt, ihr Lieben, mir einmal,

Welch Ding ist’s, Licht genannt?

Was sind des Sehens Freuden all’

Die niemals ich gekannt?


Die Sonne, die so hell ihr seht,

Mir Armen scheint sie nie;

Ihr sagt, sie auf- und niedergeht,

Ich weiß nicht, wann noch wie.


Ich mach’ mir selbst so Tag wie Nacht

Dieweil ich schlaf’ und spiel’,

Mein inn’res Leben schön mir lacht,

Ich hab’ der Freuden viel.


Zwar kenn’ ich nicht, was euch erfreut,

Doch drückt mich keine Schuld,

Drum freu’ ich mich in meinem Leid

Und trag’ es mit Geduld.


Ich bin so glücklich, bin so reich

Mit dem, was Gott mir gab,

Bin wie ein König froh, obgleich

Ein armer, blinder Knab’.


Deutsch von Jakob Nikolaus Craigher de Jachelutta

An mein Herz

An mein Herz


O Herz, sei endlich stille!

Was schlägst du so unruhvoll?

Es ist ja des Himmels Wille,

Dass ich sie lassen soll.


Und gab auch dein junges Leben

Dir nichts als Wahn und Pein;

Hat’s ihr nur Freude gegeben,

So mag’s verloren sein!


Und wenn sie auch nie dein Lieben

Und nie dein’ Liebe verstand,

So bist du doch treu geblieben,

Und Gott hat’s droben erkannt.


Wir wollen es mutig ertragen,

So lang nur die Träne noch rinnt,

Und träumen von schöneren Tagen,

Die lange vorüber sind.


Und siehst du die Blüten erscheinen,

Und singen die Vögel umher,

So magst du wohl heimlich weinen,

Doch klagen sollst du nicht mehr.


Geh’n doch die ewigen Sterne

Dort oben mit goldenem Licht

Und lächeln so freundlich von ferne,

Und denken doch unser nicht.


Ernst Schulze

Gretchen im Zwinger

Gretchen im Zwinger


Ach, neige

Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!


Das Schwert im Herzen,

Mit tausend Schmerzen

Blickst auf zu deines Sohnes Tod.


Zum Vater Blickst du,

Und Seufzer schickst du

Hinauf um sein’ und deine Not.


Wer fühlet,

Wie wühlet

Der Schmerz mir im Gebein?

Was mein armes Herz hier banget,

Was es zittert, was verlanget,

Weißt nur du, nur du allein!


Wohin ich immer gehe,

Wie weh, wie weh, wie wehe

Wird mir im Busen hier!

Ich bin, ach, kaum alleine,

Ich wein’, ich wein’, ich weine,

Das Herz zerbricht in mir.


Johann Wolfgang von Goethe

Geistliches Lied

Geistliches Lied


Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.


Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mir ewig im Gemüte steht.


Friedrich von Hardenberg alias Novalis

Szene aus Goethes Faust

Szene aus Goethes Faust


Böser Geist

Wie anders, Gretchen, war dir’s,

Als du noch voll Unschuld

Hier zum Altar trat’st,

Aus dem vergriffenen Büchelchen

Gebete lalltest,

Halb Kinderspiele,

Halb Gott im Herzen!

Gretchen! Wo steht dein Kopf?

In deinem Herzen, welche Missetat?

Bet’st du für deiner Mutter Seele,

Die durch dich zur langen,
Langen Pein hinüberschlief?

Auf deiner Schwelle wessen Blut?

– Und unter deinem Herzen

Regt sich’s nicht quillend schon,

Und ängstigt dich und sich

Mit ahnungsvoller Gegenwart?


Gretchen

Weh! Weh!

Wär’ ich der Gedanken los,

Die mir herüber und hinüber gehen

Wider mich!


Chor

Dies irae, dies illa,
Solvet saeclum in favilla.


Böser Geist

Grimm fasst dich!

Die Posaune tönt!

Die Gräber beben!

Und dein Herz, aus Aschenruh

Zu Flammenqualen wieder aufgeschaffen,

Bebt auf!


Gretchen

Wär’ ich hier weg!

Mir ist als ob die Orgel mir

Den Atem versetzte,

Gesang mein Herz

Im Tiefsten löste.


Chor

Judex ergo cum sedebit,

Quidquid latet apparebit:

Nil inultum remanebit.


Gretchen

Mir wird so eng!

Die Mauern-Pfeiler befangen mich!

Das Gewölbe drängt mich! – Luft!


Böser Geist

Verbirg dich! Sünd’ und Schande

Bleibt nicht verborgen.

Luft? Licht? Wehe dir!


Chor

Quid sum miser tunc dicturus?

Quem patronum rogaturus,

Cum vix justus sit securus?


Böser Geist

Ihr Antlitz wenden

Verklärte von dir ab.

Die Hände dir zu reichen,

Schauert’s den Reinen.

Weh!


Chor

Quid sum miser tunc dicturus?

Quem patronum rogaturus?


Johann Wolfgang von Goethe

Sehnsucht

Sehnsucht


Was zieht mir das Herz so?

Was zieht mich hinaus?

Und windet und schraubt mich

Aus Zimmer und Haus?

Wie dort sich die Wolken

Am Felsen verziehn!

Da möcht ich hinüber,

Da möcht ich wohl hin!


Nun wiegt sich der Raben

Geselliger Flug;

Ich mische mich drunter

Und folge dem Zug.

Und Berg und Gemäuer

Umfittigen wir;

Sie weilet da drunten,

Ich spähe nach ihr.


Da kommt sie und wandelt;

Ich eile sobald,

Ein singender Vogel,

Im buschigten Wald.

Sie weilet und horchet

Und lächelt mit sich:

„Er singet so lieblich

Und singt es an mich.“


Die scheidende Sonne

Vergüldet die Höhn;

Die sinnende Schöne,

Sie lässt es geschehen.

Sie wandelt am Bache

Die Wiesen entlang,

Und finster und finstrer

Umschlingt sich der Gang;


Auf einmal erschein ich,

Ein blinkender Stern.

„Was glänzet da droben,

So nah und so fern?“

Und hast du mit Staunen

Das Leuchten erblickt,

Ich lieg dir zu Füßen,

Da bin ich beglückt!


Johann Wolfgang von Goethe

Thekla (Eine Geisterstimme)

Thekla (Eine Geisterstimme)


Wo ich sei, und wo mich hingewendet,

Als mein flücht’ger Schatte dir entschwebt?

Hab’ ich nicht beschlossen und geendet,

Hab’ ich nicht geliebet und gelebt?


Willst du nach den Nachtigallen fragen,

Die mit seelenvoller Melodie

Dich entzückten in des Lenzes Tagen?

Nur so lang’ sie liebten, waren sie.


Ob ich den Verlorenen gefunden?

Glaube mir, ich bin mit ihm vereint,

Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden,

Dort, wo keine Träne wird geweint.


Dorten wirst auch du uns wieder finden,

Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht;

Dort ist auch der Vater, frei von Sünden,

Den der blut’ge Mord nicht mehr erreicht.


Und er fühlt, dass ihn kein Wahn betrogen,

Als er aufwärts zu den Sternen sah;

Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen,

Wer es glaubt, dem ist das Heil’ge nah.


Wort gehalten wird in jenen Räumen

Jedem schönen gläubigen Gefühl;

Wage du, zu irren und zu träumen:

Hoher Sinn liegt oft im kind’schen Spiel.


Friedrich von Schiller

Lied der Anne Lyle

Lied der Anne Lyle


Wärst du bei mir im Lebenstal,

Gern wollt’ ich alles mit dir teilen;

Mit dir zu flieh’n wär’ leichte Wahl,

Bei mildem Wind, bei Sturmes Heulen.

Doch trennt uns harte Schicksalsmacht

Uns ist nicht gleiches Los geschrieben.

Mein Glück ist, wenn dir Freude lacht

Ich wein’ und bete für den Lieben.


Es wird mein töricht’ Herz vergeh’n

Wenn’s alle Hoffnung sieht verschwinden

Doch soll’s nie seinen Gram gesteh’n,

Nie mürrisch klagend ihn verkünden.

Und drückt des Lebens Last das Herz,

Soll nie den matten Blick sie trüben,

So lange mein geheimer Schmerz

Ein Kummer wäre für den Lieben.


Deutsch von Jakob Nikolaus Craigher de Jachelutta

Sehnsucht

Sehnsucht


Ach, aus dieses Tales Gründen,

Die der kalte Nebel drückt,

Könnt’ ich doch den Ausgang finden,

Ach, wie fühlt’ ich mich beglückt!

Dort erblick’ ich schöne Hügel,

Ewig jung und ewig grün!

Hätt’ ich Schwingen, hätt’ ich Flügel,

Nach den Hügeln zög’ ich hin.


Harmonien hör’ ich klingen,

Töne süßer Himmelsruh’,

Und die leichten Winde bringen

Mir der Düfte Balsam zu,

Gold’ne Früchte seh’ ich glühen,

Winkend zwischen dunkelm Laub,

Und die Blumen, die dort blühen,

Werden keines Winters Raub.


Ach wie schön muss sich’s ergehen

Dort im ew’gen Sonnenschein,

Und die Luft auf jenen Höhen,

O wie labend muss sie sein!

Doch mir wehrt des Stromes Toben,

Der ergrimmt dazwischen braust,

Seine Wellen sind gehoben,

Dass die Seele mir ergraust.


Einen Nachen seh ich schwanken,

Aber ach! der Fährmann fehlt.

Frisch hinein und ohne Wanken,

Seine Segel sind beseelt.

Du musst glauben, du musst wagen,

Denn die Götter leih’n kein Pfand,

Nur ein Wunder kann dich tragen

In das schöne Wunderland.


Friedrich von Schiller

Bei dir allein

Bei dir allein


Bei dir allein

Empfind’ ich, dass ich lebe,

Dass Jugendmut mich schwellt,

Dass eine heit’re Welt

Der Liebe mich durchbebe;

Mich freut mein Sein

Bei dir allein!


Bei dir allein

Weht mir die Luft so labend,

Dünkt mich die Flur so grün,

So mild des Lenzes Blüh’n

So balsamreich der Abend,

So kühl der Hain,

Bei dir allein!


Bei dir allein

Verliert der Schmerz sein Herbes,

Gewinnt die Freud’ an Lust!

Du sicherst meine Brust

Des angestammten Erbes;

Ich fühl’ mich mein

Bei dir allein!


Johann Gabriel Seidl

L’incanto degli occhi

Die Macht der Augen


Nur Euch, schöne Sterne,

Gehört all mein Leben,

Wie Götter so ferne,

Beseelt ihr mein Streben.

Nach eurem Winke

Bewegt sich mein Sinn.

Kühnheit durchdringt mich,

Wenn fröhlich ihr strahlt,

Wenn Trübsinn euch malt,

Quält Angst mich dahin.

L’incanto degli occhi


Da voi, cari lumi,

Dipende il mio stato;

Voi siete i miei Numi,

Voi siete il mio fato.

A vostro talento

Mi sento cangiar.

Ardir m’inspirate,

Se lieti splendete;

Se torbidi siete,

Mi fate tremar.


Pietro Metastasio

Il traditor deluso

Der getäuschte Verräter


Rezitativ

Weh mir, ich bebe!

Ich fühle meinen Sinn vor Kälte erstarren!

Fort von hier, doch wohin?

Wo ist der Weg? Wer wird ihn mir weisen?

Oh Gott! Was hör ich? Wie geschieht mir?

Wo bin ich?


Arie

Die Lüfte rings um mich

Sind von Blitzen durchzuckt,

Es wankt und schwankt

Die Erde unter mir!

Die tiefe Nacht

Umfängt mich mit Grauen!

Welch unheilvolle Geister

Und Gespenster sind diese?

Welch grausamen Schrecken

Fühl ich in der Brust!

Il traditor deluso


Recitativo

Ahimè, io tremo!

Io sento tutto inondarmi il seno di gelido sudor!

Fuggasi… Ah quale?

Qual è la via? Chi me l’addita?

Oh Dio! che ascoltai? Che m’avvenne?

Ove son io?


Aria

Ah, l’aria d’intorno

Lampeggia, sfavilla;

Ondeggia, vacilla

L’infido terren!

Qual notte profonda

D’orror mi circonda!

Che larve funeste,

Che smanie son queste!

Che fiero spavento

Mi sento nel sen!


Pietro Metastasio

Il modo di prender moglie 

Wie man eine Frau wählt


Wohlan und ohne Zagen,

Mutig und ein für allemal,

Wenn ich mir eine Frau nehme,

Weiß ich genau warum.


Ich tu’s, um Schulden zu bezahlen,

Des Geldes wegen nehm’ ich sie,

Ich sag’ es und sag’ es immer wieder,

Das fällt mir nicht schwer.


Von all den Gründen auf der Welt

Sich eine Frau zu nehmen,

Kann ich einen schöneren

Als den meinen nicht finden.


Der eine wählt seine Frau aus Liebe,

Der and’re aus Respekt,

Der and’re weil man’s ihm geraten,

Der and’re nur aus Anstand,

Der letzte nur zum Spaß.

Ist es so oder nicht?


Und ich, als kleine Linderung

Für alle meine Sorgen,

Soll nicht ein kleines Fräulein

Mir zur Frau nehmen können?


Ich hab’s gesagt und sag es wieder:

Mir geht es nur ums Geld.

So machen es doch alle,

Also mach’ auch ich es so.

Il modo di prender moglie


Orsù! non ci pensiamo,

Coraggio e concludiamo,

Al fin s’io prendo moglie,

Sò ben perchè lo fò.


Lo fò per pagar i debiti,

La prendo per contanti,

Di dirlo, e di ripeterlo,

Difficoltà non ho.


Fra tanti modi e tanti

Di prender moglie al mondo,

Un modo più giocondo

Del mio trovar non sò.


Si prende per affetto,

Si prende per rispetto,

Si prende per consiglio,

Si prende per puntiglio,

Si prende per capriccio.

È vero, si o nò?


Ed io per medicina

Di tutti i mali miei

Un poco di sposina

Prendere non potrò?


Ho detto e’l ridico,

Lo fò per li contanti,

Lo fanno tanti e tanti

Anch’ io lo farò.


Unbekannter Autor

Fahrt zum Hades 

Fahrt zum Hades


Der Nachen dröhnt, Cypressen flüstern,

Horch, Geister reden schaurig drein;

Bald werd’ ich am Gestad’, dem düstern,

Weit von der schönen Erde sein.


Da leuchten Sonne nicht, noch Sterne,

Da tönt kein Lied, da ist kein Freund.

Empfang die letzte Träne, o Ferne,

Die dieses müde Auge weint.


Schon schau’ ich die blassen Danaiden ,

Den fluchbeladnen Tantalus;

Es murmelt todesschwangern Frieden,

Vergessenheit, dein alter Fluss .


Vergessen nenn’ ich zwiefach Sterben,

Was ich mit höchster Kraft gewann,

Verlieren, wieder es erwerben –

Wann enden diese Qualen? Wann?


Johann Mayrhofer

An Schwager Kronos

An Schwager Kronos


Spute dich, Kronos!

Fort den rasselnden Trott!

Bergab gleitet der Weg:

Ekles Schwindeln zögert

Mir vor die Stirne dein Zaudern.

Frisch, holpert es gleich,

Über Stock und Steine den Trott

Rasch ins Leben hinein!


Nun schon wieder

Den eratmenden Schritt

Mühsam berghinauf,

Auf denn, nicht träge denn

Strebend und hoffend hinan!


Weit, hoch, herrlich

Rings den Blick ins Leben hinein;

Vom Gebirg zum Gebirg

Schwebet der ewige Geist,

Ewigen Lebens ahndevoll.


Seitwärts des Überdachs Schatten

Zieht dich an

Und ein Frischung verheißender Blick

Auf der Schwelle des Mädchens da.

Labe dich! – Mir auch, Mädchen,

Diesen schäumenden Trank,

Diesen frischen Gesundheitsblick!


Ab denn, rascher hinab!

Sieh, die Sonne sinkt!

Eh sie sinkt, eh mich Greisen

Ergreift im Moore Nebelduft,

Entzahnte Kiefer schnattern

Und das schlotternde Gebein,


Trunknen vom letzten Strahl

Reiß mich, ein Feuermeer

Mir im schäumenden Aug’,

Mich Geblendeten, Taumelnden

In der Hölle nächtliches Tor.


Töne, Schwager , in’s Horn,

Rassle den schallenden Trab,

Dass der Orkus vernehme: wir kommen,

Dass gleich an der Tür

Der Wirt uns freundlich empfange.


Johann Wolfgang von Goethe

Gruppe aus dem Tartarus 

Gruppe aus dem Tartarus


Horch – wie Murmeln des empörten Meeres,

Wie durch hohler Felsen Becken weint ein Bach,

Stöhnt dort dumpfigtief ein schweres – leeres,

Qualerpresstes Ach!


Schmerz verzerret

Ihr Gesicht – Verzweiflung sperret

Ihren Rachen fluchend auf.

Hohl sind ihre Augen – ihre Blicke

Spähen bang nach des Cocytus Brücke,

Folgen tränend seinem Trauerlauf.


Fragen sich einander ängstlich leise,

Ob noch nicht Vollendung sei?

Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise,

Bricht die Sense des Saturns entzwei.


Friedrich von Schiller

Prometheus 

Prometheus


Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst,

Und übe, dem Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Musst mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte, die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.


Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn’ als euch, Götter!

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät,

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.


Da ich ein Kind war,

Nicht wusste wo aus noch ein,

Kehrt’ ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär’

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz wie mein’s,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.


Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?


Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herrn und deine?


Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehen,

Weil nicht alle

Blütenträume reiften?


Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!


Johann Wolfgang von Goethe

Auf der Donau 

Auf der Donau


Auf der Wellen Spiegel schwimmt der Kahn,

Alte Burgen ragen himmelan,

Tannenwälder rauschen geistergleich,

Und das Herz im Busen wird uns weich.


Denn der Menschen Werke sinken all’,

Wo ist Turm, wo Pforte, wo der Wall,

Wo sie selbst, die Starken, erzgeschirmt,

Die in Krieg und Jagden hingestürmt?


Trauriges Gestrüppe wuchert fort,

Während frommer Sage Kraft verdorrt:

Und im kleinen Kahne wird uns bang,

Wellen drohn wie Zeiten Untergang.


Johann Mayrhofer

Wie Ulfru fischt

Wie Ulfru fischt


Die Angel zuckt, die Rute bebt,

Doch leicht fährt sie heraus.

Ihr eigensinn’gen Nixen gebt

Dem Fischer keinen Schmaus.

Was frommet ihm sein kluger Sinn,

Die Fische baumeln spottend hin;

Er steht am Ufer fest gebannt,

Kann nicht ins Wasser, ihn hält das Land.


Die glatte Fläche kräuselt sich,

Vom Schuppenvolk bewegt,

Das seine Glieder wonniglich

In sichern Fluten regt.

Forellen zappeln hin und her,

Doch bleibt des Fischers Angel leer,

Sie fühlen, was die Freiheit ist,

Fruchtlos ist Fischers alte List.


Die Erde ist gewaltig schön,

Doch sicher ist sie nicht.

Es senden Stürme Eiseshöh’n,

Der Hagel und der Frost zerbricht

Mit einem Schlage, einem Druck,

Das gold’ne Korn, der Rosen Schmuck;

Den Fischlein unter’m weichen Dach,

Kein Sturm folgt ihnen vom Lande nach.


Johann Mayrhofer

Der Schiffer

Der Schiffer


Im Winde, im Sturme befahr’ ich den Fluss,

Die Kleider durchweichet der Regen im Guss;

Ich peitsche die Wellen mit mächtigem Schlag,

Erhoffend mir heiteren Tag.


Die Wellen, sie jagen das ächzende Schiff,

Es drohet der Strudel, es drohet der Riff,

Gesteine entkollern den felsigen Höh’n,

Und Tannen erseufzen wie Geistergestöh’n.


So musste es kommen, ich hab’ es gewollt,

Ich hasse ein Leben behaglich entrollt;

Und schlängen die Wellen den ächzenden Kahn,

Ich priese doch immer die eigene Bahn.


Drum tose des Wassers ohnmächtiger Zorn,

Dem Herzen entquillet ein seliger Born,

Die Nerven erfrischend, o himmlische Lust,

Dem Sturme zu trotzen mit männlicher Brust!


Johann Mayrhofer

Entdecken Sie die Young Singers

Die Podcasts

Tiefe Töne, große Bandbreite: Frederic Jost über Schuberts Drei italienische Gesänge für Bassstimme D 902

Mutmacher: Marie Seidler über Schuberts "Sehnsucht" D 636

Miniaturdrama: Schuberts "Szene aus Goethes Faust" D 126

Auf mythischen Wassern: Griechenland und Gedichte von Johann Mayrhofer

Marie Seidler über "An mein Herz" D 860

Das Schubert-Universum

Künstler

Marie Seidler

Mezzosopran

Frederic Jost

Bass

Wolfram Rieger

Klavier

Programm

Franz Schubert

Der blinde Knabe D 833

Franz Schubert

An mein Herz D 860

Franz Schubert

Gretchen im Zwinger (Gretchens Bitte) D 564

Franz Schubert

Geistliches Lied (Marie) D 658

Franz Schubert

Szene aus Goethes Faust (Szene im Dom) D 126

Franz Schubert

Sehnsucht „Was zieht mir das Herz so“ D 123

Franz Schubert

Thekla (Eine Geisterstimme) II D 595

Franz Schubert

Lied der Anne Lyle D 830

Franz Schubert

Sehnsucht „Ach, aus dieses Tales Gründen“ D 636

Franz Schubert

Bei dir allein D 866/2

Franz Schubert

L'incanto degli occhi D 902/1

Franz Schubert

Il traditor deluso D 902/2

Franz Schubert

Il modo di prender moglie D 902/3

Franz Schubert

Fahrt zum Hades D 526

Franz Schubert

Gruppe aus dem Tartarus D 583

Franz Schubert

An Schwager Kronos D 369

Franz Schubert

Prometheus D 674

Franz Schubert

Auf der Donau D 553

Franz Schubert

Wie Ulfru fischt D 525

Franz Schubert

Der Schiffer D 536

Auch in diesem Jahr stellten sich im Rahmen der Schubert-Woche in drei Konzerten junge Sängerinnen und Sänger vor, die am Beginn ihrer internationalen Karrieren stehen und bereits im Vorfeld in mehreren Workshops intensiv mit Thomas Hampson an ihren Programmen gearbeitet hatten.

Den Auftakt-Abend gestalteten Mezzosopranistin Marie Seidler und Bass Frederic Jost gemeinsam mit Wolfram Rieger – beide waren im Rahmen früherer Schubert-Wochen bereits im Pierre Boulez Saal zu erleben.

Zum dritten Mal widmeten sich auf Einladung von Thomas Hampson namhafte Liedsängerinnen und -sänger und die vielversprechendsten Talente der kommenden Generation gemeinsam mit ihren Klavierpartnern eine ganze Woche lang dem Schubert-Lied – auch unter Pandemiebedingungen.

Das Konzert mit anschließender interaktiver Gesprächsrunde wurde am Montag, den 18. Januar um 21 Uhr per Livestream übertragen und bleibt für 30 Tage auf unserer Website kostenlos abrufbar.


In Zusammenarbeit mit der Lied-Akademie des Internationalen Liedzentrums Heidelberg und der Hampsong Foundation

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