Benjamin Attahir

A Festival of New Music

Benjamin Attahir

*1989, Toulouse

Werk
Bayn Athnyn für Violine (Viola) und Klavier (2020)

Interview

Bayn Athnyn ist Daniel und Michael Barenboim gewidmet. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Titel so etwas wie „Zwischen zweien“. Welche Idee steckt dahinter?

Der Titel des Stücks hat zwei Bedeutungen: Zum einen bezieht er sich auf die besondere Situation, in die wir wie in eine Art „Dazwischen“ geworfen wurden: zwischen Ohnmacht, Panik und Vergessenheit auf der einen Seite und der Erinnerung an unsere Körperlichkeit, dem Rückzug aus der Welt und der Unsicherheit auf der anderen.
Außerdem bezieht sich der Titel auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn, die ich in der Partitur erkunden will. Ich wollte mit der Spannung zwischen Schüler-Lehrer-Verhältnis, Besitzergreifung, Einverständnis und Distanz arbeiten, die im Herzen dieser menschlichen Beziehung liegt.

Michael Barenboim spielt in diesem Stück sowohl Violine als auch Viola. Warum haben Sie sich entschieden, für beide Instrumente gleichzeitig zu komponieren?

In dieser Krise habe ich das dringende Bedürfnis verspürt, Musik wie für mich selbst und in einem ganz bescheidenen und intimen Medium zu schreiben, das mir am besten der Realität zu entsprechen schien, die wir erlebten. Als Daniel Barenboim mich einlud, an diesem wunderbaren Projekt teilzunehmen, dachte ich sofort daran, etwas für eine klassische Sonatenbesetzung zu komponieren, genauer gesagt für die Geige, das Instrument, mit dem ich selbst – wenn man so will – als erstes die Welt der Musik betreten habe. 
Und ich wusste, dass sich Michael Barenboim schon seit langer Zeit ein Stück wünschte, in dem Geige und Bratsche nacheinander gespielt würden. Ich persönlich finde die Klanglichkeit der Bratsche unwiderstehlich, zugleich warm und zerbrechlich, wie Instrumente aus einer anderen Zeit. Der Moment, diese besondere Verbindung auszuprobieren, war jetzt oder nie – mit einem Interpreten und Freund, dem ich absolut vertraue und den ich bewundere.

Am Anfang der Partitur von Bayn Athnyn ist in einer Notenzeile der Name Barenboim musikalisch „ausbuchstabiert“ – wie hängen Aufbau und Organisation des Stücks damit zusammen? 

Das ganze Stück basiert ausschließlich auf dieser Reihe von Noten, die ich aus dem Nachnamen der beiden Interpreten abgeleitet habe – es ist das erste Mal überhaupt, dass ich mit einer derart strengen und „buchstäblichen“ Methode komponiere. Vom Anfang bis zum Ende des Stücks, das bogenförmig angelegt ist, wird diese ursprüngliche Tonreihe immer wieder wiederholt, ohne Transpositionen oder Veränderungen. Man könnte darin eine kleine Anspielung auf die Musik von Pierre Boulez hören, den ich gegen Ende seines Lebens noch kennenlernen durfte – ihm verdanke ich viele Ratschläge und Ermutigung.



Sie kennen den Pierre Boulez Saal und seine Besonderheiten sehr gut – 2018 wurde Ihr Klavierkonzert Al Fajr hier von Daniel Barenboim, Giuseppe Guarrera und dem Boulez Ensemble uraufgeführt. Hat dieser besondere Raum und sein Klang bei der Komposition von Bayn athnyn eine Rolle gespielt?

Der Pierre Boulez Saal verfügt über eine unglaubliche Akustik und seine architektonische Form schafft eine wirkliche Nähe zwischen Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Dieses Gefühl, ganz von der Musik umschlossen zu sein, hat den Impuls für meine Komposititon gegeben. In diesem Stück finden wir uns innerhalb der intimen und unausgesprochenen Regungen zwischen zwei Wesen wieder, die vom Aufschrei bis zu diskreten Feinheiten reichen – kein anderer Saal wäre für diese musikalische Reflexion besser geeignet.

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